Genossenschaft GemeinSinn gegründet!

Wie aus ehemaligen ecovillage-Mitgliedern eine neue Gemeinschaft und schließlich die GemeinSinn Hannover eG entstand

Die Gründungsmitglieder stoßen auf die erfolgte Genossenschaftsfründung an
© fairWurzelt

Am 4. Juni 2026 war es endlich so weit: Nach fast zwei Jahren gemeinsamer Arbeit gründeten wir die GemeinSinn Hannover eG.

Auf dem Papier war es die Gründung einer Genossenschaft. Für uns war es viel mehr als das: Es war ein Meilenstein auf einem Weg, der im Herbst 2024 begonnen hatte – und eigentlich sogar noch früher.

Denn die Geschichte von fairWurzelt beginnt nicht mit einer Gründung, sie beginnt mit einem Ende.

Als der Traum vom ecovillage zerplatzte

Viele von uns hatten sich über Jahre im ecovillage hannover engagiert. Das Projekt war ambitioniert: Eine ganze Wohnsiedlung sollte entstehen, nachhaltig, gemeinschaftlich, sozial, inklusiv und genossenschaftlich organisiert. Hunderte Menschen engagierten sich für diese Idee, investierten Zeit, Energie, Fachwissen und nicht selten auch Geld. Das Ziel war nicht nur die Errichtung von Wohnungen, sondern die Schaffung einer lebendigen Nachbarschaft und Gemeinschaft.

Anfang 2024 folgte dann die Insolvenz.

Veränderte Finanzierungsbedingungen wie die Zinswende, steigende Baukosten und das unerwartete Abspringen einer Bank machten eine Umsetzung unmöglich. Für die Beteiligten war das ein schmerzhafter Einschnitt. Menschen hatten über Jahre hinweg geplant, diskutiert, Arbeitsgruppen aufgebaut und sich ein zukünftiges Zuhause vorgestellt. Plötzlich stand all das infrage.

Auch wir waren davon betroffen.

Nach einer halbjährigen Trauerphase wurde Antje und Stefan klar, dass sie nicht bereit waren, ihren Traum von gemeinschaftlichen Wohnen zu begraben, und gingen das Thema mit vorsichtigen Schritten erneut an.

September 2024: Ein neuer Anfang

Im September 2024 trafen wir uns daraufhin erneut: ohne großen Plan, ohne fertiges Konzept – aber mit dem Wunsch herauszufinden, ob aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre vielleicht doch etwas Neues entstehen könnte …

Die ersten Treffen waren geprägt von vielen Gesprächen. Wir tauschten Erinnerungen aus, sprachen über das, was im ecovillage gut funktioniert hatte, und ebenso offen über das, was schwierig gewesen war.

Dabei stellten wir fest, dass wir etwas Wichtiges gemeinsam haben:

Wir wollen weiterhin gemeinschaftlich wohnen. Nicht weil es ein romantischer Traum ist, sondern weil wir überzeugt sind, dass Nachbarschaft mehr sein kann als das Nebeneinander einzelner Wohnungen!

Wir wünschen uns ein Leben mit mehr Begegnung, gegenseitiger Unterstützung und Verbindlichkeit. Ein Leben, in dem Menschen verschiedener Generationen zusammenkommen, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Ein Leben, in dem Gemeinschaft freiwillig entsteht und gleichzeitig trägt.

Aus ersten Gesprächen wurden regelmäßige Treffen.
Aus einer Idee wurde langsam eine Gruppe.

Einen Namen hatten wir damals noch nicht; „fairWurzelt“ entstand erst deutlich später, als wir bereits gemeinsam unterwegs waren.

Erstes Gemeinschafts-Wochenende mit „Probewohnen“ im Harz

Ein frühes, besonders gemeinschaftsstiftendes Ereignis war dann ein Wochenende im Harz:

Im November 2024 verbrachten wir mehrere Tage gemeinsam in Zorge. Rückblickend war dieses Visionswochenende einer der wichtigsten Momente unserer bisherigen Geschichte.

Wir wollten herausfinden, wer wir sind und wohin wir gemeinsam wollen.

Unter professioneller Begleitung beschäftigten wir uns mit Fragen wie:

  • Warum wollen wir gemeinsam wohnen?
  • Welche Werte sollen unser Zusammenleben prägen?
  • Wie viel Gemeinschaft, wie viel Privatheit wünschen wir uns?
  • Wie können wir gemeinsam entscheiden?
  • Was brauchen wir an Zeit und Geld für die Gemeinschaft?

Dabei entstanden die Grundlagen dessen, was heute die Vision von fairWurzelt ausmacht: Gemeinschaft, Nachhaltigkeit & Enkeltauglichkeit, Verantwortung und Vielfalt & Offenheit. Diese Werte prägen bis heute unser Selbstverständnis.

Doch das Wochenende bestand nicht nur aus Arbeitssitzungen.

Wir wanderten gemeinsam durch den Harz. Wir kochten zusammen. Wir spielten bis spät in den Abend Gesellschaftsspiele. Wir improvisierten kreative Lösungen für die kleinen Tücken unseres Gruppenhauses:

Ein Kinderstuhl mit Tape repariert. Ein zu niedriges Bett wurde kurzerhand mit Steinen erhöht für Lidia, die sich unglücklicherweise kurz vorher ihre Rippen gebrochen hatte – und trotz starker Schmerzen mitgekommen ist!

Wir haben gelacht, diskutiert, geplant und geträumt.
Vor allem aber entstand etwas, das sich nicht planen lässt: Vertrauen.

So wurde aus unserer Gruppe eine Gemeinschaft.

Eindrücke aus Zorge (© fairWurzelt)

Wir setzen auf professionelle Unterstützung

Aus der ecovillage-Zeit nahmen wir die Erfahrung mit, wie weit große Begeisterung für die Vision des gemeinschaftlichen Wohnens – unterstützt durch professionelle Strukturen – trägt!

Deshalb entschieden wir uns früh, auf professionelle Unterstützung, Weiterbildung und Beratung zu setzen.

Wir lasen Bücher von Heinz Feldmann und Eva Stützel, nahmen an Fortbildungen teil, beschäftigten uns intensiv mit Genossenschaften, lernten von bestehenden Wohnprojekten und nutzten die Beratung von Fachleuten aus dem Bereich gemeinschaftliches Wohnen. Dabei begleiteten uns unter anderem die Berater*innen von zwgl – zusammen wohnen, gemeinschaftlich leben. Ihr Ansatz verbindet Gemeinschaftsbildung, Selbstorganisation, Rechtsformen und praktisches Wissen für Wohnprojekte.

Besonders intensiv beschäftigten wir uns mit der Soziokratie.

Einige erinnern sich noch lebhaft an ein gemeinsames Seminar in Velber mit Sara und Magnus von zwgl. Dort konnten wir die Prinzipien nicht nur kennenlernen, sondern auch praktisch erproben.

Heute organisieren wir uns auf dieser Grundlage: Entscheidungen werden möglichst dort getroffen, wo die Arbeit stattfindet. Arbeitsgruppen übernehmen Verantwortung in ihren Bereichen. Grundsatzentscheidungen werden gemeinsam im Konsent getroffen. Dieser Ansatz hilft uns dabei, Tempo und Beteiligung miteinander zu verbinden.

Zudem treffen wir uns regelmäßig zur Supervision.

All das kostet viel Zeit und auch Geld – aber es spart beides an späterer Stelle ein und bringt uns als Gruppe entscheidend voran!

Die Hoffnung auf die Podbielskistraße

Im Winter 2024/25 entstand eine erste echte Perspektive:
Zwei Gebäude in der Podbielskistraße rückten in unseren Fokus.

Zum ersten Mal konnten wir uns vorstellen, dass unsere Vision vielleicht schon bald einen konkreten Ort bekommen könnte!

Die Idee war, die Häuser als Gemeinschaftseigentum zu erwerben und langfristig dem klassischen Immobilienmarkt zu entziehen. Dabei orientierten wir uns an dem Gedanken „Mieter kaufen ihr Haus“.

Mit den Bewohner*innen führten wir zahlreiche Gespräche. Wir informierten über gemeinschaftliches Eigentum, diskutierten Möglichkeiten und versuchten zu vermitteln, welche Chancen ein genossenschaftlich getragenes Haus bieten kann.

Dieser Prozess war intensiv. Er verlangte Geduld, Zuhören, Überzeugungsarbeit und Offenheit für unterschiedliche Perspektiven.

Wir erlebten viel Interesse und viele konstruktive, aber auch teils destruktive Gespräche. Leider kam letztlich nicht genügend Unterstützung zustande, um das Vorhaben gemeinsam zu tragen.

Natürlich waren wir enttäuscht.

Gleichzeitig war der Prozess wertvoll:
Zum einen haben wir zum ersten Mal eine Immobilie auf Finanzierbarkeit geprüft und unser Konzept weiter geschärft sowie wertvolles Material zur Außenkommunikation angefertigt.

Zum anderen ist uns bewusster geworden, dass unsere Vision vom Wohnen im Gemeinschaftseigentum sich für viele andere weit mutiger bis verrückter anfühlt als für uns: Nach unserer Zeit im ecovillage gehen wir in eine uns bekannte Richtung weiter, während es für die Bewohner*innen der Podbi eine ganz neue Idee war.

Eine weitere Chance in Linden

Also prüften wir weitere Objekte.

Besonders viel Hoffnung setzten wir zeitweise auf eine Immobilie in Linden:
Dort bestand die Möglichkeit, eine ehemalige Gewerbehalle im Hinterhof eines Mehrfamilienhauses in Wohnraum umzuwandeln.

Die Idee war faszinierend! Ein ungewöhnlicher Ort mit Potenzial. Urban. Kreativ. Zentral gelegen. Und die Verkäufer*innen zeigten sich von unserem Konzept sehr angetan!

Doch je genauer wir die Rahmenbedingungen prüften, desto klarer wurde, dass die Voraussetzungen schwierig waren:
Eine Bauvoranfrage zeigte, dass die Anforderungen des Planungsrechts und die notwendigen Umbaumaßnahmen erhebliche Kosten verursachen würden.

Nach Vorstellung der Stadtplanung hätten wir die Gewerbehalle tatsächlich abreißen und etwas Neues bauen müssen – was weder zu unserer Idee der nachhaltigen Gebäudenutzung, noch zu unseren finanziellen Möglichkeiten passte!

Wieder mussten wir eine vielversprechende Idee loslassen.

Und wir bekamen schmerzlich zu spüren, an wie vielen Stellen ein Immobilienkauf scheitern kann – selbst wenn sich ehemalige und zukünftige Besitzer*innen einig sind.

Netzwerke, die Mut machen

Neben der Immobiliensuche vernetzten wir uns in diesen Monaten:
Wir lernten andere Wohnprojektinitiativen kennen, tauschten Erfahrungen aus, nahmen an Veranstaltungen teil und knüpften Kontakte zu Menschen, die ähnliche Wege bereits gegangen waren.

Dabei machten wir eine ermutigende Erfahrung:
Viele Menschen finden unsere Idee gut!

Immer wieder begegneten wir Menschen, die uns unterstützen möchten. Manche teilten ihr Wissen. Andere vermittelten Kontakte oder Immobilienideen. Wieder andere signalisierten Interesse, selbst Teil unseres Projekts zu werden.

Diese Resonanz hat uns gezeigt, dass wir mit unserer Vision nicht allein sind.

Gemeinschaft entsteht lange vor dem Einzug

Wenn wir auf diese ersten zwei Jahre zurückblicken, denken wir nicht zuerst an Immobilien.

Wir denken an die Gemeinschaft, die in dieser Zeit entstanden ist.
An Sitzungen.
An Workshops.
An Wanderungen.
An Arbeitsgruppen.
An Diskussionen über Satzungen und Finanzen.
An Konflikte und ihre Lösungen.
An gemeinsames Lernen.
An viele Stunden ehrenamtlicher Arbeit.
…

Der Weg war nicht immer einfach. Aber genau dieser Weg hat uns zusammengeschweißt.

Stefan brachte es einmal sehr treffend auf den Punkt:

„Schon der Weg zum gemeinsamen Wohnen ist für mich persönlich ein Gewinn.“

Denn Gemeinschaft entsteht nicht erst, wenn Menschen in dasselbe Haus einziehen. Sie entsteht durch gemeinsam gegangene Wege!

Die Genossenschaft als logischer nächster Schritt

Je länger wir zusammenarbeiteten, desto deutlicher wurde, dass es nun sinnvoll sei, eine Organisationsform zu gründen, die uns beim Immobilienkauf schneller handlungsfähig sein lässt – und unsere Werte dauerhaft absichert:

Wir wollten kein Modell, in dem einzelne Personen Wohnungen besitzen und später mit Gewinn verkaufen können.

Wir wollten Gemeinschaftseigentum.
Wir wollten demokratische Mitbestimmung.
Wir wollten langfristig bezahlbaren Wohnraum schaffen.

Deshalb entschieden wir uns für die Genossenschaft.

Monatelang arbeiteten wir an Satzung, Geschäftsanteilen, Finanzplanung, Organisationsstruktur und den vielen rechtlichen Fragen, die eine Gründung mit sich bringt.

Manchmal war das mühsam. Oft war es spannend. Immer war es ein gemeinsamer Lernprozess.

4. Juni 2026: Die Geburt der GemeinSinn Hannover eG

Dann war der große Tag da:
Am 4. Juni 2026 gründeten wir die GemeinSinn Hannover eG!

Manche von uns sprechen bis heute scherzhaft vom „Geburtstag“:
Die Gemeinschaft gebar eine Organisation.
Und der gemeinschaftliche Traum bekam eine Rechtsform.

Dies war ein emotionaler Moment! Nicht nur wegen der Genossenschaft selbst, sondern auch wegen des Weges, der hinter uns lag.

Nach den Erfahrungen mit dem ecovillage war es keineswegs selbstverständlich gewesen, dass wir noch einmal gemeinsam einen solchen Schritt gehen würden.

Umso schöner war es, ihn gemeinsam zu feiern!

Die Gründungsmitglieder stoßen auf die erfolgte Genossenschaftsfründung an
© fairWurzelt

Haus gesucht!

Von außen betrachtet könnte man denken, die Gründung sei das Ende unserer Geschichte.

Für uns war sie ein Meilenstein – doch unser Weg geht weiter.

Die Genosseenschaftsgründung ist erledigt; nun stecken wir all unsere Energie in die Immobiliensuche!

Im Gegensatz zum ecovillage setzen wir heute auf einen anderen Ansatz. Statt eines großen Neubauprojekts suchen wir vor allem nach Bestandsimmobilien in Hannover: Mehrfamilienhäuser, teilweise leerstehende Gebäude, ehemalige Büroflächen oder andere Objekte mit Entwicklungspotenzial.

Wir suchen keinen perfekten Ort – wir suchen einen Ort, an dem Gemeinschaft wachsen kann.

Unsere Vorstellungen sind inzwischen recht konkret:
Wir wünschen uns private Wohnungen, kombiniert mit gemeinschaftlich genutzten Räumen. Zum Beispiel eine große Gemeinschaftsküche, Garten, Werkstatt, Gästezimmer … Orte für Begegnung und Rückzug gleichermaßen. Räume, die Menschen miteinander verbinden, ohne ihre Eigenständigkeit zu beschränken.

Wir suchen einen Ort, an dem Kinder mit mehreren Generationen aufwachsen können.
Einen Ort, an dem ältere Menschen weniger Gefahr laufen zu vereinsamen.
Einen Ort, an dem Nachbarschaft mehr bedeutet als ein flüchtiges Grüßen im Treppenhaus.
Einen Ort, an dem Gemeinschaft freiwillig ist, aber verlässlich bleibt.

Wir wissen inzwischen auch, wie schwierig diese Suche sein kann. Der Immobilienmarkt ist hart umkämpft. Gemeinwohlorientierte Projekte können häufig nicht mit renditeorientierten Investor*innen konkurrieren.

Dennoch wissen wir, dass es Eigentümer*innen gibt, die den gesellschaftlichen Wert eines solchen Projekts erkennen und unterstützen möchten.

Was bleibt

Unsere Geschichte lässt sich zusammenfassen mit den Worten:

Wir sind nicht zusammengekommen, weil wir ein Haus gesucht haben – wir suchen ein Haus, weil wir eine Gemeinschaft gefunden haben!

Die Insolvenz des ecovillage war für viele von uns das Ende eines großen Traums.

Doch sie war nicht das Ende der Idee. Aus einer Erfahrung des Scheiterns ist etwas Neues entstanden.

Langsamer.
Kleiner.
Vorsichtiger.
Vielleicht auch realistischer.
In jedem Fall gemeinsam.

Heute heißt diese Gemeinschaft fairWurzelt. Und wir sind überzeugt, dass unsere eigentliche Geschichte noch vor uns liegt …!

© fairWurzelt

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